Keine leichte Hypothek, nach einem Coup wie „Oh Boy“ den nächsten Film zu wagen. Sieben Jahre ließ Jan-Ole Gerster sich Zeit, bevor er mit diesem Mutter-Sohn-Drama seinen Zweitling präsentiert. „Boy“-Bube Tom Schilling ist wieder mit dabei, abermals schwer sensibel. Als nervöser Pianist Viktor steht er vor der Premiere seines großen Konzertes. Die besorgte Mama (Glanzrolle für Caroline Harfouch!) kauft vorsorglich die Karten auf. Die Fassade ihrer Fürsorglichkeit bekommt jedoch Risse. Ist sie so eiskalt, wie einstige Kollegen behaupten? So unbarmherzig ehrgeizig, wie der Ex-Ehemann klagt?

Je mehr das Puzzle dieser Lara Jenkins sich zusammensetzt, desto geheimnisvoller gerät dieses Psychogramm. Atmosphärisch dicht, visuell verspielt sowie bestens besetzt bis in die Nebenrollen, entsteht ein packend intensives Drama, das ein Klassiker-Thema mit erstaunlicher Leichtigkeit samt gelungener Wendungen präsentiert. „Oh Mother!“ wäre durchaus ein hübscher Titel - das hätte die Hypothek indes noch größer gemacht.

Ähnlich à la „Oh Boy“ setzt Jan-Ole Gerster auf diverse Episoden an einem einzigen Tag, die wie ein Kaleidoskop das überraschende Bild ergeben. Auch hier wird die melancholische Grundierung regelmäßig mit etlichen Komik-Farbtupfern versehen, sorgen absurder Humor und feinsinnige Situationskomik für die notwendige Entspannung. Tom Tykwers vielfach preisgekrönter Haus-Kameramann Frank Griebe zeigt mit visueller Originalität einmal mehr, dass er zu den besten seines Faches gehört. Raffinierter verspiegelt lässt sich Kaufhaus-Shoppen kaum inszenieren, selbst der triste Hansa-Platz von Berlin bekommt ein fast attraktives Antlitz. Überhaupt glänzt die Hauptstadt mit selten auf der Leinwand zu sehenden Schauplätzen in eindrucksvollem Farbkostüm - „Oh Berlin“.
 
Die Besetzung fällt bis in kleine Nebenrollen mit großartigen Darstellern aus. Der Part von Tom Schilling ist diesmal kleiner geraten, gleichwohl überzeugt er charismatisch als Sensibelchen mit Trotzpotenzial. Die Hauptlast trägt klar Corinna Harfouch, die diese Traumrolle mit scheinbarer Mühelosigkeit regelrecht zelebriert. Bisweilen erinnert die Harfouch mit ihrem eiskalten Auftreten, der eleganten Kleidung und der minimalistischen Mimik an die Huppert in „Die Klavierspielerin“. Hier wie dort gelingt das schwierige Kunststück, eine wenig sympathische Figur für das Publikum interessant werden zu lassen, fast Empathie zu entwickeln. Was steckt hinter dieser harten Schale? Woher rührt die schroffe Unbarmherzigkeit? Nur andeutungsweise wird mehrfach davon gemurmelt, dass es Lara jetzt wieder besser gehe. „Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. Dass einer alles hat: das ist selten“, wusste schon Tucholsky. Lara wusste das wohl lange nicht. Nun bekommt sie diese Lerneinheit vielleicht als Geburtstagsgeschenk. Erfreulich, dass Jan-Ole Gerster mit dem Erwartungsdruck besser umgehen konnte als seine Protagonisten. Da sollte es bis zum dritten Streich nicht ganz so lange dauern.
(Text: programmkino.de)

Deutschland 2019
FSK
ab 0
Länge
98
Genre
Drama
Regie
Jan-Ole Gerster
Schauspieler
Corinna Harfouch, Tom Schilling, Volkmar Kleinert, Rainer Bock, Gudrun Ritter, Maria Dragus, Barbara Philipp, Tina Pfurr, Friederike Kempter
2019-11-07

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Lara
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